Raiffeisenbank lässt nach ihren Schätzen graben

Firmenhistoriker fördern alte Geldscheine und spannende Geschichten zutage

Bankgeheimnissen kamen die Firmenhistoriker nicht auf die Spur, als sie sich durch Akten der elf Filialen der Raiffeisenbank Ravensburg eG arbeiteten. Aber so manch Überraschendes kam doch zutage, sagt Vorstandsvorsitzender Arnold Miller. Und es wurde vor dem Einzug in die neue Hauptstelle an der Ravensburger Georgstraße Ordnung in die Archive gebracht.

 „Die Keller in den Altbanken waren voll“, sagt Miller. Dass man vorwiegend Akten, Bilanzen, Fotos und Warenbücher aus den früheren Landhandelsgeschäften und Papierkram und trotz der sprichwörtlichen Sparsamkeit der Schwaben keinen Goldschatz vorfinden wird, damit hatten Miller und seines Vorstandskollegen Rainer Widemann und Bernd Obrist gerechnet. Aber ein Zeitungsartikel über einen Großbrand vor gut 50 Jahren hat Archivare wie Banker besonders bewegt: Eine Witwe und ihre sechs Kinder waren bei dem Feuer um Haus und Hof gekommen. Doch bildete sich für sie, ausgehend von der Spar- und Darlehenskasse, eine Hilfsgemeinschaft, die Sach- und Geldspenden sammelte, wsae die Bauersfamilie bald wieder auf die Beine brachte.

 „So eine Geschichte ist mir auch in ähnlichen Projekten bei anderen Banken noch nie begegnet“, sagt Svenja Schäfer von der Geschichtsagentur „D.I.E. Firmenhistoriker“. Das ist die Firma, welche von der Raiffeisenbank Ravensburg eG engagiert wurde, um das Archivmaterial zu sichten und aufzuarbeiten „Wenn schon, dann soll es fachmännisch gemacht werden“, sagt Miller. Auch wenn die Bank dafür zwischen 35 000 und 40 000 Euro in die Hand nehmen muss. Abgesehen davon, dass es für Verschiedenes Aufbewahrungsfristen gibt, wäre es für ein auf den Genossenschaftsgedanken aufgebautes Geldinstitut schade, wen wichtiges Wissen um sein Wirken verlorenginge.

Doch was ist wichtig, was erhaltenswert? Die Profi, in diesem Fall also Svenja Schäfer und Firmenhistoriker Harald Binder, sowie eine ganze Reihe von Bankvorstandspensionäre, die ihnen zu Hand gingen, wussten es: Bis 1945 werden alle Unterlagen aufbewahrt, danach nur noch Protokolle, Bilanzen, Mitgliederbücher und Außergewöhnliches. Herrschten bis etwa 1950 Buchform und Handschrift vor, wandelte sich dies zu Einzelblättern, Durchschlägen, Kopien… je moderner die Technik, umso mehr Papier.

12,5 Meter Bankgeschichte

Als Miller die Archive der elf Filialen räumen und im Bankhaus Bergatreute zusammentragen ließ, standen da rund 100 laufende Meter Bücher und Aktenordner – viele vergilbt, zerfleddert. Dabei waren die all Dokumente, anhand derer man die Entstehung der Raiffeisenbank nachvollziehen kann – von der Gründung der Wolpertswender   Darlehenskasse 1898 bis hin zu den jüngsten Fusionen. Die Firmenhistoriker haben ausgedünnt, ausgemistet, Bände aufgeschnitten und neu binden lassen. Am Ende fand die Bankgeschichte auf 12,5 Metern Regalfläche Platz. Und ein 300 Seiten dickes Findbuch verrät, wo im Bedarfsfall zu suchen ist.

Logischerweise wanderte bei der Aufräumaktion auch einiges in den Reißwolf. Doch was bekommt dieser als Futter? Und wie sieht der Firmenhistoriker auf die Schnelle, wo Vorsicht geboten ist, wo der berüchtigte „Hund“ begraben liegen könnte? – Generell so Schäfer und Rinder, sei Wachsamkeit geboten, wenn das Alter von Aktendeckel und Beschriftung nicht übereinstimmen; dann hat da jemand „nachgearbeitet“. Augenmerk richte man auch immer auf die politisch und wirtschaftlich interessanten Ereignisse wie die Einführung des Euro, die Wiedervereinigung, die Jahre des Wirtschaftswunders, die Währungsreform 1948, die Weltkriege und die Inflation.

Apropos Inflation: In den Raiffeisen-Kellern fanden sich 20 000 verschiedene Geldscheine. „Wir haben einen ganzen Tag nur Geld gezählt“, sagt Svenja Schäfer. Die Entwicklung vom aufwendig gestalteten Papiergeld bis letztlich nur einseitig bedruckten Inflationswährung ließ sich dabei nachvollziehen: Geldmengen als Beleg dafür, wie die Wirtschaft zusammenbrach.

Stichwort Zusammenbruch:  Wer weiß heute noch, dass die Spar- und Darlehenskasse Amtzell sich 1928 mit dem Erwerb des Hofguts Eggenreute wohl übernommen hat und dem Ruin nahe war? Hätten die Nazis die Bank nicht mit 28 000 Reichsmark gestützt, „hätte die Raiffeisenbank das wohl nicht überlebt“,  so Miller heute.

Ende des Kellerarchivs

Alles Geschichte und Geschichten, die nicht wieder im Keller verschwinden sollen. „Seit dem Hochwasser im Juli habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu Kellern“, sagt Miller. Glücklicherweise sei, als das Unwetter im Juli über Bergatreute niederging, das Archivmaterial der kompletten Raiffeisenbank Ravensburg eG nach Abzug der Firmenhistoriker noch in oberirdischen Räumen im Bergatreuter Bankgebäude aufgereiht gewesen. Und da soll es auch bleiben.